Christina Baker Kline, Der Zug der Waisen

BakerKline

Die Autorin verknüpft in ihrem Roman auf sehr sensible Weise die Gegenwart und die Vergangenheit zweier auf den ersten Blick so unterschiedlicher Frauen und erzählt dabei detailgetreu einen vergessenen Teil amerikanischer Geschichte: Vivian Daily, die neunjährige Tochter irischer Einwanderer, verliert bei einem Wohnungsbrand ihre ganze Familie. Gemeinsam mit anderen Waisen wird sie in einen Zug verfrachtet und in den mittleren Westen geschickt. Hier auf dem Land sucht man für die Kinder ein neues Zuhause. Aber es ist eine Reise ins Ungewisse, da nicht alle der neuen Eltern liebevoll für die Kinder sorgen. Vivians Schicksal liegt von nun an in fremden Händen und sie muss viele Prüfungen bestehen. Erst in hohem Alter lernt sie durch die Begegnungen mit der rebellischen Molly über ihr schwieriges Schicksal zu sprechen. Auch Molly wuchs bei verschiedenen Pflegefamilien auf und bei keiner von ihnen fühlte sie sich wohl. Dieser Roman erzählt die Vergangenheit beiden Frauen, deren Leben in der Gegenwart zusammen schließlich zusammengeführt wird.

Die Waisenzüge gab es zwischen 1929 und 1953 tatsächlich in Amerika. Sozialorganisationen brachten Kinder ohne Eltern oder Obdach aus den übervölkerten Großstädten per Zug zu Pflegefamilien in ländliche Gegenden. 250 000 Kinder fanden so ein neues Zuhause. Manche hatten das Glück, bei einer liebevollen Familie unterzukommen, andere wurden nur als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Der Autorin ist es gelungen, einen dramatischen und emotionalen Roman zu schreiben, der nie kitschig wirkt. Hier geht es um Liebe und Freundschaft, um Verlust und Wiederfinden, aber auch um die unglaubliche Anpassungsfähigkeit von Menschen in schwierigen Situationen.

Christina Baker Kline
Der Zug der Waisen
Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48161-3
352 Seiten
EUR 9,99